Der Kreativität auf der Spur - mit Marianne Statt
von Anita Wan
30s Take Aways
Keine Zeit für den ganzen Artikel? Hier die wichtigsten Erkenntnisse in 30 Sekunden:
Wie entsteht Kreativität bei Marianne Statt von narra?
Kreativität entsteht für sie aus dem Zusammenspiel von Ästhetik und Struktur. Sie entwickelt sich in unterschiedlichen Phasen eines Projekts und lebt vom Wechsel zwischen Austausch und konzentrierter Einzelarbeit.
Wie entstehen neue Raum- und Eventkonzepte?
Der Prozess beginnt mit dem Verstehen der Botschaft und dem Sammeln von Ideen, Bildern und Gedanken. Über gemeinsamen Austausch werden daraus Konzepte mit klarer Richtung und Identität.
Woran erkennt man eine starke Idee?
Eine gute Idee lässt sich einfach erklären und passt authentisch zur Marke. Sie erzeugt ein Gefühl, das Menschen intuitiv verstehen und erinnern.
Welche Rolle spielt KI im kreativen Prozess?
KI unterstützt bei Analyse, Visualisierung und Weiterentwicklung von Ideen. Die kreative Bewertung, Originalität und die finale Entscheidung bleiben jedoch menschliche Aufgaben.
Was macht gutes Raumdesign aus?
Erfolgreiche Räume erzählen Geschichten, führen Menschen durch Erlebnisse und schaffen eine Balance aus Orientierung, Überraschung und Atmosphäre. Oft entsteht die größte Wirkung dabei durch bewusste Reduktion.
Warum bleibt uns ein Raum noch lange in Erinnerung, während wir andere nach wenigen Minuten schon wieder vergessen? Und wie entsteht eine Idee, die nicht nur gut aussieht, sondern Menschen berührt?
Marianne Statt beschäftigt sich täglich mit diesen Fragen. Als Innenarchitektin und Gründerin des Studios narra entwirft sie Räume, die Geschichten erzählen, Marken erlebbar machen und im Gedächtnis bleiben. In unserem Interview verrät sie, warum Kreativität für sie ein Zusammenspiel von Intuition und Struktur ist und warum manchmal weniger mehr ist.
Zu Beginn
Anita: Wer bist du und was machst du?
Marianne: Hi, ich bin Marianne – Innenarchitektin und Gründerin von narra. Wir gestalten narrative Architektur im Raum: Räume, die nicht nur funktionieren, sondern erzählen. Marken, Menschen und Orte finden bei uns eine Bühne – ob Messestand, Event-Architektur oder Arbeitswelt. Mit meinem Bachelor in Innenarchitektur und dem Master in Kommunikation im Raum bewege ich mich an der Schnittstelle von Gestaltung und Markenidentität. Der Name narra ist Programm: narrative Architektur, die Werte vermittelt, Identität stiftet – und im besten Fall noch lange im Kopf bleibt.
Anita: Wie bist du zu dem, was du machst, gekommen?
Marianne: Meine Kreativität war schon immer da – nur die Form hat gewechselt. In der Schule: Kunst als erste Leidenschaft, Mathematik als zweiter Schwerpunkt. Beides zusammen hat mich geprägt: Gefühl für Ästhetik und Sinn für Struktur.
Ich habe meinen beruflichen Werbegang gestartet mit einer Ausbildung zur Gestalterin für visuelles Marketing – weil mir der Bezug zur Praxis immer wichtiger war als die reine Theorie. Parallel zum Studium habe ich schon früh in der Branche gearbeitet, von Anfang an mit echten Projekten und echten Menschen. Jeder Schritt hat mich weiter in Richtung Selbstständigkeit gebracht. Seit 2021 bin ich selbstständig– das ist mein größter Meilenstein bis heute, weil ich sehr selbstbestimmt und kreativ arbeiten kann.
Kreativität im Alltag
Anita: Wie würdest du beschreiben, welchen Stellenwert Kreativität in deinem Leben und deiner Arbeit einnimmt?
Marianne: Kreativität ist kein Dauerzustand – sie pulsiert. Im Entwurfsprozess, besonders zu Beginn, ist sie das Herzstück. In den organisatorischen Phasen der Selbstständigkeit tritt sie in den Hintergrund. Ich habe gelernt, diesen Kontrast zu schätzen.
Anita: Wenn du ein neues Projekt vor dir hast – wie tastest du dich heran?
Marianne: Mit einem digitalen Whiteboard – ein lebendiges Board, das von Anfang an parallel läuft. Texte, Skizzen, Stimmungsbilder, Gedankensplitter. Das Team ergänzt, sortiert, verdichtet. Es ist kein einmaliger Schritt, sondern ein lebendes Dokument, das sich mit dem Projekt weiterentwickelt.
Anita: Hat sich dein kreatives Arbeiten über die Jahre verändert?
Marianne: Ja – das Skizzenbuch ist geblieben, aber es hat Gesellschaft bekommen. Heute arbeite ich digital, ortsunabhängig, im Team über Distanzen hinweg. Die Werkzeuge haben sich verändert, der Kern nicht.
Anita: Wann würdest du sagen, bist du im Flow? Was zeichnet das für dich aus? Und gab es eine Situation, in der du komplett festgesteckt hast – wie hast du dich da rausbewegt?
Marianne: Flow entsteht für mich entweder im Gespräch – wenn vorbereitete Gedanken auf echte Reaktionen treffen – oder in stiller Konzentration an einer 3D-Datei. Musik und der Nicht-stören-Modus sind meine verlässlichsten Fokus-Werkzeuge.
Wenn ich inhaltlich nicht weiterkomme, hilft Austausch mehr als Ausdauer. Gedanken laut zu machen, zu teilen, zu hören wie sie klingen – das bringt mich wieder in Bewegung.
Anita: Woran merkst du, dass eine Idee die richtige ist?
Marianne: Wenn ich sie einfach erklären kann – in einem Satz, einem Bild, einer Geste. Was sich nicht simpel kommunizieren lässt, ist noch nicht fertig gedacht. Mit der Zeit kommt dazu ein Gespür für die Marke: ein Gefühl, das schwer zu beschreiben, aber nicht zu übersehen ist.
Anita: Bist du bevorzugt alleine kreativ oder mehr im Team?
Marianne: Beides – nacheinander. Zu Beginn brauche ich das Team: Schwarmwissen, Kundennähe, unterschiedliche Perspektiven. Dann kommt die Phase der stillen Konzentration. Ich muss allein prüfen, ob das, was im Kopf entstanden ist, auch trägt. Im nächsten Schritt hilft der Dialog und konstruktive Austausch mit dem Team.
Anita: Bist du mit KI im kreativen Kontext schon in Berührung gekommen? Wie konntest du das schon für dich nutzen?
Marianne: Ja – aktiv und gezielt. KI hilft mir bei der Analyse von Briefings, beim Verdichten großer Informationsmengen und bei der Aufbereitung von Inhalten als Ausgangsmaterial für eigene Entscheidungen.
Außerdem bei Dingen wie Textoptimierung, Bildbearbeitung, Visualisierung von Entwürfen im realen Kontext – wie sieht der Stand auf einer belebten Messe aus? Bestände digitalisieren, Varianten entwickeln, untexturierte Räume mit Material und Oberfläche beleben. Grenzen gibt es für mich dort, wo Originalität gefragt ist: KI-Ideen sind oft erwartbar, und Markenidentitäten werden selten richtig interpretiert.
Anita: Verändert sich für dich der Wert einer Idee, wenn sie mithilfe von KI entstanden ist?
Marianne: Nein – solange die Idee von einem Menschen initiiert, bewertet und entschieden wird. KI ist für mich ein Werkzeug wie ein 3D-Programm oder der Bleistift. Autor bleibt der Gestalter, nicht das Tool.
Anita: Woran, denkst du, erkennt man in Zukunft noch wirklich originelle Ideen?
Marianne: An einem Gefühl, das sich nicht erklären, aber auch nicht ignorieren lässt. Eine wirklich originelle Idee hat eine innere Stimmigkeit – die man nicht zwingend erklären kann, aber spürt. Und genau dieses Spüren bleibt menschlich.
Raumdesign
Anita: Erinnerst du dich an einen Raum, der dich sofort gepackt hat? Wo war das und was war da spürbar für dich?
Marianne: Viele – aber einer bleibt besonders: die Biennale Venedig 2018.
Eine immersive Installation namens "Conditions" (Ilulissat Icefjord Centre in Grönland) machte die Extrembedingungen der Arktis körperlich spürbar – mitten im Arsenale.
Die sensorische Erfahrung aus Klang, Licht und Atmosphäre hat sich langsam und stetig verändert und ein bleibendes Gefühl hinterlassen.
Anita: Wie erzählst du mit einem Raum eine Geschichte? Welche Aspekte berücksichtigst du hier?
Marianne: Ich denke in Sequenzen und Leitmotiven. Was wird zuerst wahrgenommen, was folgt, womit endet das Erlebnis? Ein starkes Leitmotiv – eine Metapher, ein Bild, ein Prinzip – zieht sich durch den gesamten Raum und hält alles zusammen. Die entscheidende Frage ist: Mit welchem Gefühl verlässt jemand den Raum – und was nimmt er davon mit? Gute Gestaltung ist sichtbar, fühlbar, erinnerbar.
Anita: Wie schaffst du es, dass Menschen sich in einem Raum orientieren können und gleichzeitig Lust haben, ihn zu entdecken?
Marianne: Orientierung entsteht durch Fernwirkung und prägnanten Mitteln wie zum Beispiel Farbe – man soll auf Anhieb wissen, wohin will ich mich bewegen. Neugier entsteht durch das Gegenteil: mutige Details, überraschende Botschaften, unerwartete Kombinationen, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt.
Anita: Wenn wir mal von Raumdramaturgie sprechen – was bedeutet das für dich eigentlich?
Marianne: Nicht alles auf einmal zeigen. Die richtigen Inhalte zur richtigen Zeit – und in meinem Fall: am richtigen Ort. Ein Raum ist kein Plakat. Er entfaltet sich durch Bewegung, durch das Nacheinander von Eindrücken. Raumdramaturgie bedeutet für mich: den Besucher führen.
Anita: Gibt es für dich gewisse Elemente, die oft übersehen werden, aber viel Einfluss auf die Raumwirkung oder das Erlebnis haben? An welchen Stellen merkst du, dass du Kund:innen besonders oft überzeugen musst?
Marianne: Freiraum. Was nicht da ist, kann genauso wirken wie das, was zu sehen ist. Ich überzeuge Kunden regelmäßig davon, weniger zu zeigen – weil Botschaften Luft brauchen, um anzukommen. Weniger ist mehr. Weniger ist schwer.
Anita: Gab es ein Projekt, bei dem die Rahmenbedingungen fast gegen dich gearbeitet haben – und es am Ende trotzdem besonders wurde?
Marianne: Kleine Flächen, knappes Budget – das kenne ich gut. Aber gerade dann entstehen oft die stärksten Lösungen: Doppelnutzungen, radikale Reduktion, einfache Materialien mit konsequenter Gestaltung. Ich sehe Einschränkungen als Einladung zur Kreativität.
Anita: Bei Narra gestaltet ihr ja sehr unterschiedliche Räume, von Arbeitswelten über Markenräume bis hin zu Installationen. Verändert sich eure Herangehensweise je nach Kontext? Worauf richtet ihr dabei jeweils euren Fokus?
Marianne: Die Herangehensweise bleibt dieselbe: Wir arbeiten uns zum Kern der Botschaft vor – und von dort aus in den Raum hinein. Ob Messestand oder Bürowelt: Schönheit ohne Identität interessiert uns nicht. Das Warum steht immer am Anfang jeder Geschichte.
Anita: Welche Rolle spielt Bewegung für dich? Wie Menschen sich durch einen Raum bewegen?
Marianne: Eine zentrale Rolle. Bewegung bestimmt, wann welche Information wirkt und welches Gefühl entsteht. Selbst wenn die Visitor Journey als Free Flow angelegt ist – das ist eine bewusste Entscheidung, die den Raum formt.
Anita: Gibt es eine Grenze zwischen Gestaltung und Inszenierung für dich? Worauf legst du mehr Wert?
Marianne: Für mich ist das ein fließender Übergang. Gestaltung ist meistens funktional, Inszenierung eher emotional – sie muss wirken, nicht nur funktionieren. Je nach Projekt und Kunde verlagert sich der Schwerpunkt. Beides hat seinen Wert und seine Wichtigkeit.
Anita: Was hat sich in den letzten Jahren spürbar verändert im (Event-)Raumdesign?
Marianne: Nachhaltigkeit verändert die Branche strukturell – und das spüre ich konkret in der Projektarbeit. Es gibt weniger, aber bewusstere Auftritte: modular gedacht, seriell einsetzbar, auf Langlebigkeit ausgelegt. Das stellt höhere Ansprüche an Ausführung, Materialwahl und Konzepttiefe. Für uns bei narra ist das eine Chance: weniger Volumen, mehr Haltung. Lagerung, Wiedereinsetzbarkeit und Zeitlosigkeit gehören heute vom ersten Entwurfsgedanken an dazu.
Anita: Was haben wir nicht gefragt oder was du schon immer mal zum Thema Kreativität sagen wolltest…
Marianne: Räume sind ein unterschätztes Kommunikationsmedium. Große Marken investieren enorme Energie in Corporate Design, Kampagnen, Content – aber der Raum, in dem Menschen eine Marke wirklich erleben, wird vernachlässigt. Er ist das einzige Medium, das alle Sinne gleichzeitig anspricht und bei dem man sich dem Eindruck nicht entziehen kann.
Das Gespräch mit Marianne zeigt deutlich: Starke Ideen brauchen nicht nur Gestaltung, sondern eine klare Botschaft, die Menschen berührt. Ob Raumkonzept, Markeninszenierung oder KI-Einsatz – am Ende sind es Haltung, Perspektive und menschliches Gespür, die aus einer guten Idee ein Erlebnis machen, das noch lange nachhallt.
Vielen Dank liebe Marianne, für die spannenden Einblicke in deine Denk- und Arbeitsweise!
Über Marianne Statt
Innenarchitektin, Gründerin & Expertin für narrative Architektur
Marianne Statt gestaltet Räume, die mehr können als funktionieren – sie erzählen Geschichten. Als Innenarchitektin und Gründerin des Studios narra, Büro für Innenarchitektur, verbindet sie räumliche Gestaltung mit Markenidentität und entwickelt Messeauftritte, Eventarchitekturen, Markenräume und Arbeitswelten, die Menschen emotional erreichen und nachhaltig in Erinnerung bleiben. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage, wie Botschaften räumlich erlebbar werden. Dabei verbindet sie kreatives Denken mit strategischer Klarheit und entwickelt Konzepte, die Orientierung, Atmosphäre und Erlebnis zu einer stimmigen Geschichte zusammenführen. Für sie ist Raum eines der wirkungsvollsten Kommunikationsmedien – weil er alle Sinne anspricht und Marken unmittelbar erlebbar macht.
Schwerpunkte: Narrative Architektur, Markenräume & Messedesign, Event- und Raumkonzepte, Arbeitswelten, Raumdramaturgie, Identitäts- und Markengestaltung, Besucherführung & Erlebnisdesign, nachhaltige Raumkonzepte
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