Der Kreativität auf der Spur - mit Philipp Reimer
von Beke Alberring
Kreativität steckt in vielem: im geschriebenen Wort, in starken Konzepten und nicht zuletzt in der Fotografie – besonders in der Eventfotografie, wo Bilder mehr erzählen als das Offensichtliche. Im zweiten Teil der Reihe „Der Kreativität auf der Spur“ spricht Beke mit unserem langjährigen Fotografen Philipp Reimer darüber, wie kreative Prozesse entstehen, woher er seine Inspiration nimmt und wie er neue Projekte angeht. Dabei wird deutlich: Kreativität zeigt sich nicht nur im fertigen Bild, sondern in vielen kleinen Entscheidungen – im Blick fürs Detail und in der Frage, wie sich Eindrücke in visuelle Geschichten übersetzen lassen.
Kreativität im Alltag
Beke: Was bedeutet Kreativität für dich persönlich?
Philipp: Kreativität bedeutet für mich, dass ich Dinge, die ich sehe, so umsetzen kann, wie ich das möchte. Ich laufe irgendwo lang, sehe etwas, mache zum Beispiel ein Bild, das mir gefällt, und erschaffe Dinge, die so sind, wie ich sie haben möchte.
Beke: Was inspiriert dich im Alltag und bei der Arbeit?
Philipp: Ich hole mir einen Großteil meiner Inspiration von YouTube und aus den Social-Media-Apps TikTok und Instagram, weil ich da sehr viel Zeit verbringe. Dementsprechend gibt es bei mir keine Trennung, ob das Alltag oder Arbeit ist. Auf der Arbeit lebe ich die Kreativität aus, die ich im Alltag durch den Konsum von Videos in mich hineinbringe.
Beke: Wann fühlst du dich am kreativsten? Gibt es bestimmte Momente oder sogar Tageszeiten?
Philipp: Ich fühle mich meistens abends oder sogar nachts am kreativsten, weil ich nach einem Arbeitstag abschalte und dann Zeit für mich habe. Das Internet ist da etwas ruhiger, es gibt weniger ablenkende Dinge und dann kann ich meine Kreativität entfalten. Da lese ich mir Artikel durch, schaue mir Videos an, bilde mich weiter – und das ist dann auch das, wo ich meine Kreativität entwickle.
Prozesse und Methoden
Beke: Wie gehst du ein neues kreatives Projekt an? Wie viel ist hier bei dir Intuition und wie viel ist Planung?
Philipp: In meinem Bereich der Eventfotografie sind es 90 Prozent Intuition und Reaktion und 10 Prozent Planung und Vorbereitung. Ich brauche natürlich das richtige Equipment für die Bilder, die ich einfangen will, aber alles andere ist mehr oder weniger dem Zufall überlassen. Ich bin nur dafür da, den Zufall so gut wie möglich einzufangen.
Meine Herangehensweise ist eigentlich immer gleich: Ich bereite mich in der Regel inhaltlich wenig vor, weil ich das Projekt oder das Event direkt auf mich wirken lassen möchte. Natürlich gehe ich mein Equipment vor einem Job durch. Akkus laden, Kameras checken, Karten formatieren und Outfit zurechtlegen. Ich habe gerne schon am Vorabend alles im Auto oder an der Haustür stehen, damit ich direkt losfahren kann. Das gibt mir die Sicherheit, einige Dinge von meiner To-Do-Liste direkt abhaken zu können. Dann lasse ich mich vor Ort von der Location inspirieren und wenn ich die Location noch nicht kenne, umso besser – dann habe ich frische Blickwinkel. Wenn ich sie schon kenne, versuche ich, jedes Mal neue Perspektiven auszudenken, um eine gewisse Variation reinzubringen.
Beke: Ist deine Intuition etwas, das du reproduzieren kannst oder eher ein einmaliger Moment?
Philipp: Reproduzierbar ist auf einem Event sowie nichts. Deswegen ist die Eventfotografie auch eine der komplexesten Themenbereiche in der Fotografie. Es gibt keinen “zweiten Versuch”. Ich versuche einfach so viele schöne Momente wie möglich einzufangen.
Beke: Was tust du, wenn’s mal klemmt – wenn der kreative Flow ausbleibt?
Philipp: Wenn ich oft das gleiche Event an derselben Location fotografiere, ist es schwer, neue, frische Bilder zu machen. Mein eigener Anspruch ist es immer, nicht das Gleiche zu machen wie letztes Mal, sondern immer eine kleine Variation reinzubringen. Manchmal gelingt mir das nicht, weil ich das mittlerweile seit fast 20 Jahren mache und eigentlich schon alles in jeder denkbaren Form fotografiert habe. Ich koche aber auch nur mit Wasser. Es gibt schon Grenzen in dem, was ich beitragen kann, damit Bilder gut werden. Wenn die Location nicht gut aussieht, oder keiner lacht – dann kann ich das leider nicht ändern. Ich kann nur versuchen trotzdem das Beste rauszuholen und den Fokus vielleicht auf kleinere Details legen, um darüber die Stimmung zu transportieren.
Kreativität und KI
Beke: Welche Rolle spielen KI-Tools für dein kreatives Arbeiten – und wie siehst du die Entwicklung in Zukunft?
Philipp: KI-Tools verändern meine Arbeitsmethodik eigentlich überhaupt nicht. Es ist nicht unbedingt etwas, das direkt mit Kreativität zu tun hat, sondern eher mit Arbeitsbelastung und Zeitaufwand. In der Nachbearbeitung werde ich effizienter und habe teilweise Möglichkeiten, Dinge umzusetzen, die früher entweder nicht möglich waren oder einen sehr hohen Kostenaufwand gehabt hätten. In meinem Bereich sehe ich KI definitiv als Katalysator: Ich werde schneller, effizienter und kann den Kunden bessere Ergebnisse liefern. In der Bildauswahl sind die Programme nach wie vor noch nicht so weit, in der Bearbeitung ist es mittlerweile besser geworden. Bei Bildideen bemühe ich mich eher bei echten Fotografen zu schauen, anstatt mir von der KI etwas generieren zu lassen – die KI hat schließlich nur echte Fotos gelernt bekommen.
Kreativität in der Fotografie
Beke: Wie würdest du deinen fotografischen Stil beschreiben? Was macht ein gutes Foto für dich aus?
Philipp: Ich schaffe Geschichten mit der Abbildung der Realität. Die Stimmung ist schon da und das Gefühl – ich versuche nur, dieses Gefühl und die Stimmung festzuhalten und einzufrieren, sodass auch ein Dritter sich das später anschauen und durch mein Foto die Stimmung förmlich anfassen kann.
Beke: Gibt es fotografische Stile, Motive oder Blickwinkel, zu denen du immer wieder zurückgreifst?
Philipp: Ja, auf jeden Fall. Ich habe über meine langjährige Erfahrung einen gewissen Stil entwickelt, wie ich fotografiere, und greife natürlich immer wieder darauf zurück. Stiltechnisch würde ich das so beschreiben, dass ich sehr nah dran bin und emotionale Bilder für Events mache. Ich achte sehr darauf, dass die Bilder einen schönen unscharfen Hintergrund haben, dass die Leute immer glücklich und freundlich aussehen und dass das Eventgeschehen gut transportiert wird.
Beke: Welche Fotografen oder Kunstrichtungen haben dich geprägt?
Philipp: Ich habe mir das Fotografieren eigentlich selbst beigebracht. Ich habe digitale Medien in Mannheim studiert und dort ein paar Basics mitgenommen, aber grundsätzlich bin ich niemand, der strikt nach Regeln wie dem goldenen Schnitt arbeitet. Ich fotografiere so, wie es für mich gut aussieht. Das entspricht in vielen Fällen unbewusst gültigen Regeln, nicht weil ich sie erfüllen will, sondern weil ich den gleichen ästhetischen Anspruch habe. Ich breche wahrscheinlich manchmal Regeln, weil ich sie gar nicht kenne – auch nach fast 20 Jahren lerne ich aber immer neue Dinge von Kollegen oder aus Social Media. Wie andere Fotografen Events einfangen, interessiert mich dabei viel mehr als eine Regel, die in einem Buch steht.
Beke: Was macht für dich den entscheidenden Unterschied bei einem Foto – der Moment, das Licht oder die Perspektive?
Philipp: Ich habe gefühlt eine 360-Grad-Sicht – ich kann mir sehr viele Dinge parallel in einem Raum anschauen und sehe Kleinigkeiten und Details, die die Stimmung perfekt einfangen. Wenn zum Beispiel in einer riesigen Menschenmenge eine Person einer anderen ein Lächeln schenkt oder eine prägnante Handgeste macht und ich genau das im Augenwinkel sehe – dann fotografiere ich es. Es ist im Moment eigentlich immer eine Kombination aus allen dreien, aber das Hauptmerkmal ist meistens der Moment. Wenn das Licht und die Perspektive dann auch stimmen, wird aus einem tollen Foto ein richtig geiles Foto.
Beke: Hast du ein Bild im Kopf, bevor du auf den Auslöser drückst?
Philipp: Das ist bei mir sehr selten der Fall, weil ich hauptsächlich Events fotografiere und auf meine Umgebung reagiere. Natürlich weiß ich, was der Kunde für Fotos haben möchte – anhand des Briefings oder meiner Erfahrung – aber es ist nichts, auf das ich aktiv hinwirke. Wenn es darum geht, Businessportraits, Headshots oder geplante
Shootings für Immobilien zu machen, dann habe ich natürlich sehr genau ein Bild im Kopf, wie ich etwas haben möchte, und setze das entsprechend um.
Beke: Wo zeigt sich für dich Kreativität in der Fotografie am stärksten – im Sehen, im Moment oder im Umgang mit dem Ergebnis?
Philipp: Am stärksten im Moment selbst, wenn ich vor Ort eine Perspektive gefunden habe, wo eine Person oder ein Motiv mit dem Licht und dem, was vor der Kamera passiert, einfach cool aussieht. Das ist der Moment, wo ich mich wirklich freue – weil ich sofort merke, dass das Bild besonders ist. Etwas ist unscharf im Vordergrund, das Licht fällt gerade sehr gut, oder es gibt etwas anderes sehr Prägnantes. Das Ergebnis ist in diesem Moment eigentlich schon fertig, nachdem ich auf den Knopf gedrückt habe.
Beke: Wann ist ein Bild für dich fertig?
Philipp: Ein Bild ist für mich eigentlich in dem Moment fertig, wo ich auf den Auslöser gedrückt habe. Ich bin jemand, der echte Momente fotografiert – ich tausche keine Hintergründe aus und retuschiere Dinge nur sehr selten weg. Es kann danach noch der Ausschnitt leicht angepasst werden, aber das eigentliche Bild ist in dem Moment der Aufnahme bereits fertig.
Über Philipp Reimer
Fotograf, Visual Storyteller & Content Creator
Philipp Reimer ist seit über 20 Jahren als Fotograf tätig und spezialisiert auf Event-, Business- und Reportagefotografie. Ob internationales Großevent oder individuelles Format – er versteht es, Stimmungen authentisch einzufangen und besondere Momente visuell erlebbar zu machen. Sein Anspruch: Bilder zu schaffen, die nicht nur dokumentieren, sondern wirken. Mit einem feinen Gespür für Details und Atmosphäre entwickelt er visuelle Geschichten, die Events und Marken nachhaltig transportieren – von der Live-Situation bis zur Weiterverwendung in Kommunikation und Social Media.
Schwerpunkte: Eventfotografie & Reportage, Business- und Markenfotografie, visuelles Storytelling, Architektur- und Editorialfotografie
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