Die Sache mit den Zwillingen.

Was einen Digital Twin ausmacht.

Wenn jemand Expertin für Zwillinge ist, dann unsere Senior Consultant Eva Heid. Ihre Zwillinge zuhause sind mittlerweile acht Jahre alt. Noch länger beschäftigt sich die Expertin für Content und Konzeption beruflich mit Formaten, die ähnlich, aber eben nicht gleich sind. Gerade jetzt, wo so gut wie nur virtuelle Veranstaltungen möglich sind und sich alle fragen, wie man mit seinen Zielgruppen in Kontakt bleibt und seine Inhalte vermittelt. Wir haben uns mit Eva über „digitale Event-Zwillinge“ unterhalten und sie gefragt, was aus ihrer Sicht wichtig ist, wenn eine Veranstaltung im virtuellen Raum stattfindet.

Liebe Eva, fangen wir mal ganz vorne an: Was bedeutet denn Digital Twin?

Der Begriff Digital Twin kommt eigentlich aus der Fertigung und bedeutet, dass ein physisches Produkt, also zum Beispiel eine Maschine, ein Motor oder ähnliches 1:1 in die virtuelle Welt übersetzt wird, um Simulationen vorzunehmen, also eine Art Testversion. Das funktioniert natürlich bei Dienstleistungen oder Veranstaltungen anders. Der Gedanke dahinter ist aber der Gleiche, also die Übertragung von etwas Physischem ins Virtuelle.

Da sind wir ja direkt in unserem Thema: Was bedeutet Übertragung genau?

Im Event-Kontext bedeutet das, eine Veranstaltung eben nicht live an einem Ort, sondern live online durchzuführen. Also das eine anstatt das andere zu tun. Das haben wir ja zu Anfang der Corona-Zeit gesehen – viele haben „einfach“ ihr Event irgendwie online gemacht, zum Beispiel Vorträge nicht vor realem Publikum gehalten sondern gestreamt.

Nur lässt sich aber nicht jede Veranstaltung einfach genauso wie es geplant war in den virtuellen Raum transportieren. Ich kann ja zum Beispiel kein leckeres Buffet oder die spontanen Gespräche in der Kaffeeschlange durchs Datenkabel schicken, sondern nur manche Elemente digital darstellen. Die Übersetzung einer Veranstaltung ist also nicht so banal.

Digital werden ja nur zwei unserer Sinne angesprochen, nämlich das Hören und das Sehen. Den Rest müssen wir mit einem Online-Event irgendwie ersetzen, und genau da fängt die Übertragung an – also die Überlegung, wie ein Element einer Veranstaltung, zum Beispiel das Catering oder das Networking, genau wirkt, und wie diese WIRKUNG – nicht die physische LEISTUNG – virtuell übersetzt werden kann.

Jetzt sind seit einiger Zeit ja Veranstaltungen nur digital möglich. Was sind Deine Erfahrungen: Was funktioniert, was nicht?

Was echt gut funktioniert ist das konzentrierte Fokussieren auf Inhalte. Ich meine, der Grund warum wir uns mit anderen Menschen im geschäftlichen Kontext treffen, ist, weil wir etwas Neues lernen oder erfahren wollen. Dieses Wissen kann ich super auch online vermitteln, schließlich geht es da um bewusstes, kognitives Aufnehmen von relevanten Informationen.

Schwieriger ist der unbewusste Teil: Ein großer Mehrwert von Messen und Events ist das persönliche Treffen, das Netzwerken, das Kennenlernen neuer Menschen. Das hat sich als wirklich schwierig zu übertragen herausgestellt. Wir haben dazu unter anderem mit einer Psychologin (Prof. Dr. Michaela Wänke war auch Gast bei SHIFT2020_digital – Hier entlang zur Aufzeichnung) gesprochen, wie sich Beziehungen eigentlich anbahnen und was es dazu braucht. Die gute Nachricht: Grundsätzlich lassen sich Beziehungen auch im virtuellen Raum knüpfen und aufbauen. Aber so etwas wie das sekundenschnelle Wahrnehmen von Menschen, die sich in einem Raum befinden, oder auch das Aufnehmen von bildlichen Informationen – zum Beispiel die Gestaltung eines Messestandes – lässt sich (noch) nicht so einfach virtuell reproduzieren.

Dazu kommt, dass das virtuelle Netzwerken für die meisten von uns – noch, muss man ja sagen – ungewohnt ist. Auch wenn wir schon länger in den sozialen Medien aktiv sind, müssen wir den virtuellen Face-to-face-Austausch noch üben. Wer erwartet, dass das Networking online einfach so weitergeht wie beim Bier an der Bar, wird sicher enttäuscht werden. Ich glaube, wir müssen da noch kreativer werden und wirklich ganz neue Dinge ausprobieren, die dann wiederum Zeit brauchen, bis sie von einer großen Menge Menschen a) akzeptiert und b) gelernt sind.

Worin siehst Du denn die Vorteile virtueller Veranstaltungen?

Alleine die Zeit- und auch Kostenersparnis beim Reisen finde ich persönlich super. Theoretisch kann ich so sogar an zwei Events gleichzeitig teilnehmen, was ja sonst physisch überhaupt nicht gehen würde. Und ich habe das Gefühl, der Himmel war schon lange nicht mehr so blau wie in den letzten Wochen.

Einen weiteren Vorteil sehe ich eben auch in der unglaublich guten Fokussierung von relevanten Inhalten für die richtigen Menschen. Der Streuverlust ist deutlich geringer, weil jemand, für den ein bestimmter Inhalt nicht wirklich relevant ist, sich ganz schnell und unkompliziert wieder verabschiedet. Ich habe also eine viel größere Wahrscheinlichkeit, dass ein Inhalt auf die richtigen Leute trifft, wo er – dadaaa – die größte Wirkung erzielen kann. Wir sprechen also nicht mehr über Quantität, sondern Qualität.

Und man bekommt ehrliches Feedback: Bei einem Live-Event geht selten jemand demonstrativ raus. Beim Online-Vortrag ist man mit einem Klick weg. Das mag nicht jede*r Redner*in gerne hören, aber wer sich das zu Herzen nimmt, kommt einen Riesenschritt weiter mit den Inhalten und auch dem Vortragsstil!

Ist Content also noch mehr King in digitalen Formaten als bei Live-Events?

Ja und nein. Content darf ja auch bei Live-Events nicht flach oder banal sein, aber da kann ich eben durch einen tollen Rahmen weitere Impulse setzen. Doch letztlich kommen Besucher*innen immer, um Wissen, Impulse oder Erfahrungen mitzunehmen.

Von daher würde ich gar nicht sagen, dass Content digital noch mehr King ist. Aber vielleicht kann man sagen „content is core“. Einfach, weil das „außenherum“ wegfällt, der Content mehr im Fokus ist und eine größere Rolle bei der Entscheidung spielt, ob jemand in der Session bleibt.

Was denkst Du, wird es weiterhin „Digital Twins“, also die Übertragung geplanter Veranstaltung in den virtuellen Raum, geben? Oder werden Events zukünftig anders gedacht und Live und Digital sind zwei Spielarten nebeneinander?

Ich glaube es wird noch eine ganze Weile Digital Twins geben, weil wir uns noch sehr lange an dem festhalten, was wir kennen. Solange das Neue noch als neu empfunden wird, braucht man irgendeinen Referenzpunkt. Und damit fragt man sich automatisch „Wie haben wir das damals beim Live-Event gemacht?“ und überlegt sich dann, wie man das übertragen kann. Aber eines Tages – da gebe ich dir Recht – wird es diese Überlegungen nicht mehr geben, weil man dann einfach nur noch zwei mögliche Kanäle mit ihren Vor- und Nachteilen abwägen und sich für eine Möglichkeit oder eine Kombination entscheiden wird.

Liebe Eva, vielen Dank für Deine Zeit und Einblicke.

 

Wer sich interessiert, wie die Übertragung eines Digital Twin aussehen kann und was es zu beachten gibt, der findet hier weitere Informationen. Wer weitere Einschätzungen  und konkrete Umsetzungstipps sucht, findet dort auch einen 10-Punkte-Erfolgsfahrplan.

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