Moderation zwischen Struktur und Spontanität – mit Holger Erdrich
von Beke Alberring
Bitte einmal durch das Programm führen – oder doch lieber durch das Event?
Ein Event ohne gute Moderation ist wie ein Orchester ohne Dirigenten: Die Instrumente sind gestimmt – doch der verbindende Takt und der gute Zusammenklang fehlen. Genau das zeigt sich meist in den Momenten, die nicht im Ablaufplan stehen: wenn der Zeitplan kippt, die Technik streikt oder das Publikum unruhig wird. Dann entscheidet nicht das Konzept auf dem Papier, sondern die Person auf der Bühne, ob ein Event trotzdem gelingt. Moderation ist deshalb keine Rolle, die man „noch mitbesetzt". Sie ist die Schnittstelle zwischen Inhalt, Dramaturgie und Publikum und damit ein strategischer Bestandteil jedes Events.
Wie strategische Moderation in der Praxis aussieht, erleben wir bei ottomisu seit vielen Jahren immer wieder gemeinsam mit Holger Erdrich. Er begleitet einige unserer Events als Moderator und bringt dabei genau das auf die Bühne, was gute Moderation ausmacht: Struktur und Spontaneität, Haltung und Humor, Klarheit und echtes Gespür für Menschen und Situationen.
Er gestaltet seit über 25 Jahren Räume, in denen Kommunikation wirkt, Ideen fliegen und Begegnung möglich wird – live, digital oder irgendwo dazwischen. Als Moderator, Konzeptioner und Event-Spezialist denkt er Formate ganzheitlich, verbindet Perspektiven und versteht Moderation nicht als Fassade, sondern als aktiven Beitrag zum Erfolg eines Events.
Mit ihm haben wir darüber gesprochen, warum Moderation weit mehr ist als das Führen durchs Programm, welche Rolle Vorbereitung und Zusammenarbeit spielen und warum echte Verbindung auf der Bühne kein Zufall ist.
Lernt Holger kennen
Was bedeutet für dich Moderation und was treibt dich an?
Ich gestalte seit vielen Jahren Räume, in denen Austausch möglich wird, der sonst nicht stattfinden würde. Mich treibt die Neugier auf Menschen an – auf das, was sie antreibt, was sie erschaffen, woran sie glauben. Moderation ist für mich die Möglichkeit, diese Perspektiven sichtbar zu machen und Verbindungen herzustellen: zwischen Menschen, Themen und Publikum.
Und mich treibt noch etwas an: Ich möchte Dinge nicht zweimal gleich machen. Jede Moderation soll neu überraschen, jedes Konzept etwas Nachhaltiges schaffen. Ob das immer effizient ist? Keine Ahnung. Aber es ist der Grund, warum ich auch heute noch mit Leidenschaft dabei bin.
Wie bist du Moderator geworden?
Eigentlich über einen Umweg, der sich im Rückblick sehr logisch anfühlt. Während meines Sportstudiums gab es ein Seminar zum Thema Sportberichterstattung, geleitet von einem Kollegen vom ZDF. Der hat mich nach Mainz zu einem kleinen Regionalsender vermittelt. Dort war ich sechs Monate – und das war Gold wert. Ich habe nicht nur moderiert, sondern in alle Bereiche reingeschaut: Schnitt, Redaktion, Ablaufplanung, Regie. Ich habe gelernt, wie Fernsehen und Formate wirklich funktionieren – vor und hinter der Kamera.
Danach ging es weiter über Premiere, unter anderem für Formate wie „Bravo TV" und „Kalkofes Mattscheibe", später zum s.i.d. (Sport-Informations-Dienst), um mich im Texten und Redigieren weiterzuentwickeln. 1996 kam dann ein besonderer Moment: die Ausschreibung der TV Spielfilm zum Nachwuchsmoderator für die Olympischen Spiele in Atlanta. Ich wurde Zweiter – hinter Caroline Beil. Sie flog in die USA, ich durfte vier Wochen lang für die ARD den „OlympiaExpress" moderieren: ein Zug, der von Bahnhof zu Bahnhof fuhr und dort jeweils ein großes Bühnenprogramm auf die Beine stellte.
Das war pures Lernen auf der Überholspur: Bands interviewen, Spiele mit dem Publikum, Shows mit vielen bekannten Gesichtern aus den 90ern. Ich habe dort nicht nur moderiert, sondern verstanden, wie man Stimmung liest und Energie lenkt. In den Jahren danach durfte ich unter anderem fünf Jahre lang den Adidas-Cup begleiten, ein großes Jugendfußballturnier mit Stationen in verschiedenen Bundesligastadien. Parallel kamen Personality-Shows im Regional-TV, Messen, Eventmoderationen für Unternehmen, große Publikumsformate wie das FIFA Fan Fest.
Dann kam eine Phase, in der Familie und die eigene Firma im Vordergrund standen. Ich habe viel hinter den Kulissen gearbeitet, Events und Formate konzipiert, organisiert, produziert. 2019 kam dann ein Anruf, ob ich kurzfristig für eine Kollegin einspringen könne. Ich hatte lange nicht mehr auf großen Bühnen gestanden – und genau dieser Moment wurde zum Start meiner zweiten Moderationsrunde. Mit all der Erfahrung von früher, aber mit einer anderen Haltung: ruhiger, bewusster, klarer.
Welche Eventarten und Formate begleitest du?
Ich bewege mich heute am liebsten in Formaten, in denen Inhalte zählen und ich die Freiheit für Spontanität habe: Konferenzen, Panels, Sportevents, Gesprächsformate, Unternehmensveranstaltungen – ich liebe aber auch die komplett freien Formate, wo es einfach nur darum geht, Zeit mit Publikum und Gästen zu überbrücken und Spaß zu haben - und noch träume ich von meinem eigenen Podcast. Also überall dort, wo nicht nur Programm abgearbeitet wird, sondern Austausch entsteht: zwischen Bühne und Publikum, zwischen unterschiedlichen Perspektiven, zwischen Fachlichkeit und Menschlichkeit.
Und wenn es dann doch mal „nur" die Verbindung zwischen den Programmpunkten ist, dann versuche ich auch dort einen sinnvollen roten Faden zwischen den einzelnen Elementen zu spinnen.
Was macht für dich die Zusammenarbeit mit Agenturen wie ottomisu aus?
An der Zusammenarbeit mit Agenturen oder den Marketingabteilungen des Kunden liebe ich das gemeinsame Denken in Richtung eines übergeordneten Ziels. Wenn die unterschiedlichen Experten ihr Wissen in den Ring werfen und wir dann mit Projektmanagement, Regie, Konzeption und Moderation gemeinsam Formate entwickeln, die dramaturgisch, inhaltlich und atmosphärisch überzeugen – das macht Spaß und bringt allen Beteiligten, inklusive der Gäste und dem Kunden, einen entscheidenden Mehrwert.
Wenn Moderation früh eingebunden wird, kann sie nicht nur begleiten, sondern mitgestalten. Das merkt man später auf der Bühne sofort.
Die Rolle des Moderators
Was ist heute die Aufgabe einer guten Moderation?
Für mich schafft eine gute Moderation Orientierung – inhaltlich und emotional. Sie hält den roten Faden, ohne starr zu werden, und sorgt dafür, dass Menschen auf der Bühne verständlich, nahbar und relevant bleiben. Als Moderator versuche ich immer, auf Augenhöhe mit meinen Gesprächspartnern zu sein und ihnen die Bühne zu bereiten, auf der sie sich optimal präsentieren können. Moderation ist heute weniger Ansage und mehr Verbindung: zwischen Inhalten, Menschen und Publikum.
Wie hat sich diese Rolle in den letzten Jahren verändert?
Glücklicherweise geht die Entwicklung immer mehr in Richtung Dialog und weg vom klassischen Vortrag. Das ist gut für das Publikum UND die Menschen auf der Bühne. Das Publikum wird anspruchsvoller und möchte mit Themen abgeholt werden, die es interessiert – nicht damit, was der Redner loswerden möchte. Es geht darum, Haltung zu zeigen und auch mal kritische Fragen zuzulassen. Wenn man sich dem Publikum öffnet, ist es zu Beispiel ein großer Vorteil, eine Moderation an der Seite zu haben, die steuern und leiten kann. Je nachdem, wie sehr die Moderation im Fokus steht, kann sie einen Raum öffnen oder schließen – für alle Beteiligten.
Vorbereitung ist alles
Wie sieht für dich eine gute Vorbereitung aus?
Die Frage nach dem Warum wird oft übersprungen – und genau das merkt man später am Ergebnis. Das gilt für mich im Übrigen nicht nur für die Moderation, sondern insbesondere auch für die Konzeption.
Für mich bedeutet das: verstehen, bevor ich führe. Ich möchte die Ziele der Veranstaltung kennen, die Zielgruppe, die Rolle der einzelnen Beiträge und die Menschen auf der Bühne. Gute Vorbereitung ist kein Textlernen, sondern ein inhaltliches Eintauchen – damit ich später spontan sein kann, ohne beliebig zu wirken.
Welche Informationen brauchst du von Agentur und Auftraggeber und warum? Wie nutzt du diese Infos später auf der Bühne?
Ich brauche vor allem alles über Ziel, Kontext und Publikum: Was soll nach der Veranstaltung anders sein als vorher? Wer sitzt im Raum? Welche Rolle spielen die einzelnen Programmpunkte im Gesamtbild? Diese Informationen helfen mir, Übergänge zu gestalten, Schwerpunkte zu setzen und Gespräche so zu führen, dass sie in das Gesamtkonzept passen und jederzeit auf den „roten Faden" einspielen.
Dieser Input gibt mir Orientierung für Tonalität und Dynamik. Ich kann gezielter nachfragen, Verbindungen herstellen und reagieren, wenn sich etwas anders entwickelt als geplant. Gute Vorbereitung schafft Sicherheit – und genau diese Sicherheit ermöglicht Spontaneität. Je mehr ich weiß, desto besser kann ich auf Situationen eingehen und individuell reagieren. Jeder Insider ist Gold wert.
On stage
Wie unterstützt Moderation den roten Faden eines Events?
Moderation ist der sicht- und hörbare Träger dieses roten Fadens. Sie verbindet Programmpunkte, ordnet Inhalte ein und hilft dem Publikum, Zusammenhänge zu erkennen. Ohne diese Einordnung bleiben Beiträge oft nebeneinander stehen – mit Moderation werden sie Teil einer gemeinsamen Story.
Siehst du dich als "Übersetzer" zwischen Bühne, Publikum und Inhalt?
Ja, absolut. Ich übersetze Fachlichkeit in Verständlichkeit, Stimmungen in Worte und manchmal auch Spannungen in produktive Gesprächssituationen. Diese Übersetzungsarbeit ist einer der wichtigsten Teile guter Moderation.
Herausforderungen auf und neben der Bühne
Was war eine der größten Herausforderungen als Moderator?
Eine der größten Herausforderungen war mein spontaner Wiedereinstieg nach der Pause. Ich bekam einen Anruf, ob ich kurzfristig eine große Eventmoderation übernehmen könne – zwei Tage Vorlauf, ein komplexer Kontext, viel Verantwortung. Ich hatte großen Respekt, nicht nur vor der Bühne, sondern auch vor der Situation.
Im Zug nach Berlin habe ich mich vorbereitet, viel gelesen und sortiert. Vor Ort traf ich auf ein starkes Team, unter anderem von ottomisu, und habe wiederentdeckt, wie wichtig das Zusammenspiel hinter der Bühne für die Menschen auf der Bühne ist. Die Ruhe, die wir Backstage ausstrahlen, ist entscheidend für das, was vorne auf der Bühne passiert. Wenn ich aus innerer Ruhe auftrete, überträgt sich das unmittelbar auf Raum und Publikum.
Wie gehst du mit Zeitverzögerungen, Technikproblemen oder anderen spontanen Änderungen um?
Das gehört zum Alltag. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und die Situation transparent, aber souverän zu führen. Das Publikum verzeiht vieles, wenn es sich gut begleitet fühlt. Moderation schafft in solchen Momenten Sicherheit und Struktur – auch dann, wenn gerade beides im Ablauf fehlt. Auch hier gilt: Mit einem lustigen spontanen Spruch kann die Situation meist auf einen anderen Fokus gelenkt werden. Ein Gesetz ist auf jeden Fall: NIEMALS auf die Technik schimpfen. Erstens machen auch die keine Fehler aus böser Absicht und zweitens sitzen die immer am längeren Hebel.
Gab es Situationen, die komplett anders liefen, als geplant?
Oh ja. Eine meiner einprägsamsten war gleichzeitig meine letzte Sendung bei Rhein-Main TV. Wir wurden aus dem Programm genommen – zu frech, zu jugendlich, zu unnormal für die Macher. Wir hatten eine letzte Sendung zum Abschied, aber nichts wirklich Geplantes. Meine Idee war: ein paar Wegbegleiter aus dem Sender einladen, Geschichten aus den vergangenen Sendungen erzählen, dann verabschieden.
Tatsächlich kamen dann plötzlich Gäste aus alten Sendungen ins Studio, während parallel zum laufenden Gespräch im Hintergrund das Studio abgebaut wurde. Kameras, Kulissen, alles. Am Ende saß ich auf dem Boden, der letzte Gast hatte zwei Kisten Bier mitgebracht, wir machten eine „Groundparty" als Abrissparty – und irgendwann ging das Licht aus. Cut. OUT.
Das Verrückte: Der Sender hat alles übertragen. Und das Feedback von außen war hervorragend: „Endlich mal was Mutiges!", „Geile Nummer, eure Abrissparty!" – genau die Reaktionen, die wir uns in den regulären Sendungen oft gewünscht hätten.
Was hast du daraus für zukünftige Events gelernt?
Dass man Kontrolle auch loslassen können muss. Natürlich braucht es Struktur, Dramaturgie, einen Plan. Aber die Magie entsteht oft in den Momenten dazwischen – wenn man bereit ist, auf das zu reagieren, was gerade im Raum passiert. Und manchmal ist genau das, was „aus dem Rahmen fällt", das, woran sich die Menschen später erinnern. Gute Moderation bedeutet nicht, alles festzuhalten, sondern zu wissen, wann man führt und wann man sich treiben lässt.
The future of moderation
Wohin entwickelt sich Moderation und warum kann keine KI deinen Job übernehmen?
Weil Moderation immer auch „echte" Beziehung ist. Es geht um Zwischentöne, Stimmungen im Raum, Blicke, Pausen, Unsicherheiten – um all das, was zwischen den Worten und zwischen den Teilnehmenden passiert. Diese menschliche Wahrnehmung und das situative Gespür lassen sich (noch) nicht automatisieren.
Welche Skills werden wichtiger?
Ich bin davon überzeugt, dass Trends auch immer einen Gegentrend auslösen. Die KI wird immer mehr in unser Leben einziehen, wir werden immer mehr mit digitalen Geschöpfen zu tun haben – und der Drang nach „echten" Menschen wird wieder wertvoller werden. Daraus ergibt sich für mich, dass Spontaneität, Wahrnehmung und Empathie den Unterschied machen. Und dafür ist es wiederum superwichtig, dass man sicher im Ablauf und den Inhalten ist, um diese Offenheit zu haben, auch Zwischentöne wahrzunehmen. Wenn man am Text oder Prompter klebt, bleibt keine „Freiheit" für spontane Reaktionen.
Danke Holger für dieses spannende Interview und deine Sichtweisen auf das Thema Moderation. Wieder einmal wird deutlich, wie viele Bereiche zusammenspielen müssen, wenn die transformative Kraft von Events richtig genutzt werden will. Einer ist auf jeden Fall der passende Einsatz von guter Moderation mit Struktur, Spontanität und ganz viel Enthusiasmus und Begeisterung, die den Raum erfassen! Wir freuen uns, dich vielleicht schon bald wieder auf einer Event-Bühne wiederzusehen.
Über Holger Erdrich
Moderator, Konzeptioner & Event-Spezialist
Holger Erdrich entwickelt und moderiert seit über 25 Jahren analoge, digitale und hybride Events. Als Moderator begleitet er Veranstaltungen und Shows, die Haltung, Struktur und Humor verbinden. Neben der Bühnenarbeit konzipiert und realisiert er Veranstaltungsformate, berät bei Innovationsprozessen und unterstützt Teams in der kreativen Entwicklung.
Schwerpunkte: Moderation von Veranstaltungen, Konzeption von Live- und Hybrid-Events, Eventplanung & Eventproduktion, Innovationsberatung, Entwicklung kreativer Teams
Mehr erfahren: LinkedIn, brandherde
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