UNBUBBLE bei wtf26 – Über Bubbles babbeln und unbubblen

von Johanne Koloska

30s Take Aways

Keine Zeit für den ganzen Artikel? Hier die wichtigsten Erkenntnisse in 30 Sekunden:

Was sind eigentlich Bubbles?
Bubbles geben Orientierung und Zugehörigkeit, können aber auch den Blick auf andere Perspektiven und Menschen einschränken.  

Wie macht der UNBUBBLE-Workshop Bubbles sichtbar?
Durch Bewegung, Selbstreflexion und gemeinsame Übungen werden eigene Zugehörigkeiten und unbewusste Schubladen sichtbar.  

Warum spielen Fragen eine so wichtige Rolle?
Fragen öffnen Räume für Begegnung und machen Bubbles sichtbar, die man von außen weder erkennen noch vermuten würde.  

Wie entstehen echte Verbindungen zwischen Menschen?
Durch aktives Zuhören, Austausch und die Bereitschaft, unterschiedliche Sichtweisen stehen zu lassen und neugierig zu bleiben.  

Was bedeutet UNBUBBLE für die Event-Konzeption?
Gute Events schaffen Räume für Identifikation innerhalb einer Bubble und Begegnungen über Bubble-Grenzen hinweg.

Bubbles waren bei wtf26 überall.
Und falls du jetzt denkst: wtf?! Genau das hat Beke letztes Jahr auch gedacht. In ihrem Artikel „future? shaped by us" beschreibt sie, was wtf in diesem Fall bedeutet und was einen auf diesem Event erwartet.
Bei mir, Johanne, fing der wtf-Tag mit der überhitzten Zugfahrer*innen-Bubble an. Ich kam, so wie viele andere, etwas verschwitzt und mit rotem Kopf, was bei knappen 40 Grad kein Wunder ist, im PALAIS Frankfurt an. Dankbar für die funktionierende Klimaanlage, lief ich durch die Location und nahm gleich die ein oder andere weitere Bubble wahr. Da waren die Connectivity-Suchenden, die Begeisterten, die Gestressten, die Unsicheren, die Wissbegierigen und noch viele mehr. Mit vielen habe ich gleich mitgefühlt und stellte fest, dass ich da wohl wieder in der Empathie-Bubble gelandet bin.

Überall Bubbles. Aber was sind sie eigentlich?

Die eigene Blase ist ein abgeschirmtes Umfeld, in dem wir uns mit Gleichgesinnten bewegen. Sie gibt uns Sicherheit, Orientierung und Zugehörigkeit, verstellt aber oft auch den Blick auf alles andere. Sie kann aber auch eine Schublade sein, in die wir andere Menschen unbewusst oder bewusst stecken.

Eine Bubble habe ich in meiner Liste oben nicht erwähnt, obwohl sie mich an diesem Tag besonders begleitet hat: Die treibhaus-Bubble. treibhaus ist eine Weiterbildung mit Fokus auf Kreativkonzeption im digitalen und realen Raum, die ich parallel zu meiner Arbeit bei ottomisu mache.

Transparente Kunststoffkugel mit der Aufschrift „Sorry, bin gerade in einer Bubble“ vor einem unscharfen Workshop-Setting mit Tischen, Teilnehmenden und farbiger Beleuchtung.
Bubble, Foto: fwd:

UNBUBBLE – Wie aus einer Beobachtung ein Workshop wurde

Für wtf26 durften wir treibhäusler einen Workshop zu einem Thema entwickeln, das uns beschäftigt. Schnell war klar, dass es das Thema UNBUBBLE sein sollte. Unsere Beobachtung, dass wir häufig in unseren eigenen Bubbles feststecken und gleichzeitig den Wunsch nach echten Begegnungen haben, trieb uns an.

Wir spielten so viel wie möglich mit dem Thema, angefangen bei der Einladung. Beim Get-Together vor der Begrüßung verteilten wir Karten, auf deren Rückseite Luftpolsterfolie klebte, mit der Aufforderung: „PRESS TO UNBUBBLE". Denn manchmal braucht es nicht viel, um Neugier zu wecken. Luftpolsterfolie zum Beispiel. Und vielleicht führt die Neugier sogar dazu, dass die ein oder andere Bubble platzt.

Auch der Raum selbst sollte Teil der Botschaft sein. Der Kuppelsaal, rund wie eine Bubble, mit einer Sitzanordnung, die das spiegelte. Wer ihn betrat, wurde automatisch Teil von etwas: der UNBUBBLE-Bubble.
Der Workshop selbst folgte einer Logik, die sich erst im Nachhinein für mich als etwas Größeres entpuppte. Aber dazu später mehr.

Halbkreisförmig angeordnete weiße Sitzbänke und gelbe Stühle in einem hellen historischen Saal mit hohen Fenstern, Spiegeln und einem farbigen Bodenelement in der Mitte als zentralem Treffpunkt für Workshops und Dialogformate.
Workshop Setting, Foto: fwd:

Phase 1: Wer bin ich? – Die eigene Bubble spüren

Bevor man eine fremde Bubble kennenlernen kann, muss man erst die eigene wahrnehmen. Das klingt selbstverständlicher als es ist. Denn Bubbles sind so vertraut, dass wir sie kaum noch spüren. Also machten wir sie zunächst körperlich erfahrbar.

Alle bewegten sich frei durch den Raum, die Arme ausgestreckt, Kreise ziehend, Kugeln formend. Wer näherte sich an? Wer wich aus? Wer blieb auf Abstand?
Nebenbei passierte etwas, das wir nicht hätten aufhalten können: alle ordneten sich gegenseitig ein und steckten sich in Schubladen, automatisch und unbewusst.
Das wollten wir sichtbar machen.

Also stellten sich zwei Personen mit Hula-Hoop-Reifen in den Raum. Die Einladung: Dockt an, wenn ihr glaubt, mit dieser Person etwas gemeinsam zu haben. Es ging nicht darum es zu wissen, sondern darum es zu spüren. Einzelne wurden gefragt, was sie denken, welche Bubble sie teilen. Zu großen Teilen stimmte es.

Danach wurde es schneller. Während Musik lief, wurden nacheinander Begriffe in den Raum gerufen: unter anderem Morgenmensch, Imposter-Gefühl, Helfersyndrom. Wer sich zugehörig fühlte, fand sich schnell mit den anderen aus dieser Bubble zusammen. In wenigen Minuten entstanden gemeinsame Verbindungen zwischen Menschen, die sich vorher nicht kannten.

Teilnehmende stehen in einem Kreis um eine farbenfrohe Bodenfläche und halten gemeinsam einen Ring fest, während eine interaktive Gruppenübung in einem hellen Workshopraum stattfindet.
Hula-Hoop-Aufwärmübung, Foto: fwd:

Phase 2: Wie ticken die anderen? – Fragen als Türöffner

Sich seiner Bubbles bewusst zu werden ist ein erster Schritt. Aber das allein verändert noch nichts. Für Veränderung muss man andere Menschen und ihre Bubbles kennenlernen. Und das schafft man oft durch Fragen.

Deshalb gingen wir einen Schritt weiter, mit einer Erkenntnis als Ausgangspunkt: Wir sind nicht nur die Connectivity-Suchenden, die Begeisterten, die Gestressten, die Unsicheren, die Wissbegierigen. Wir sind die Summe all unserer Bubbles. Und genauso ist es bei jedem anderen im Raum. Aber viele davon sind von außen nicht sichtbar. Wir erkennen sie nicht am Aussehen, nicht am Jobtitel. Was sie sichtbar macht, sind Fragen. Sie öffnen Räume, die sonst geschlossen bleiben.

Aber Fragen stellen braucht Mut. Also zeigten wir zuerst, was passiert, wenn man ihn aufbringt. Drei Personen erzählten von einer Situation, in der sie heute schon in einer ihrer Bubbles waren: die Awareness-Bubble, die was-wäre-wenn-Bubble, die Social-Media-Bubble. Und fragten dann in den Raum: Kennst du das? Je mehr man sich identifizieren konnte, desto näher sollte man sich stellen, je weniger, desto weiter weg.

Teilnehmende sitzen im Kreis rund um eine großflächige farbige Bodeninstallation und tauschen sich im Rahmen eines moderierten Workshop- und Dialogformats aus.
Austausch, Foto: treibhaus

Phase 3: Was verbindet uns? – Vom Austausch zur Verbindung

Eine Frage nonverbal zu beantworten ist eine Sache. Darüber sprechen eine ganz andere. Und erst wenn man anfängt in echten Austausch zu gehen, entstehen Verbindungen.

Also bekam jede Person eine Kugel mit einer Frage darin und beantwortete sie still auf einer Karte. Dann wurde die Kugel weitergegeben und Zweierteams gebildet. Jedes Team hatte nun zwei Fragen und jeweils drei verschiedene Antworten: die geschriebene einer unbekannten Person, die gesprochene des Gegenübers und die eigene spontane. Die Teilnehmenden wurden dazu ermutigt, weitere Fragen zu stellen, zuzuhören und Uneinigkeit stehen zu lassen. Plötzlich war man nicht mehr nur Antwortgebender, sondern auch Fragender. Eine kleine, aber entscheidende Verschiebung: Wer fragt, öffnet einen Raum. Und wer einen Raum öffnet, lädt jemanden ein, seine Bubble zu verlassen. So entstand etwas, das schwer zu planen ist: echter Austausch.

Das Goodie zum Abschluss passte natürlich zum Thema: Eine Packung Hubba Bubba als Erinnerung daran, die eigene Bubble auch nach dem Workshop ab und zu platzen zu lassen.

Hand hält eine transparente Kugel mit einer Aufgabenkarte vor einer farbenfrohen grafischen Bodenfläche, die als interaktives Element eines Workshop- und Dialogformats genutzt wird.
Aufgaben-Bubble, Foto: treibhaus

Ein Kreis, der sich schließt

Erst im Nachhinein bemerkte ich, dass Helge Thomas SHIFT2019 von ottomisu mit einer Rede eröffnete, die sich um genau dieses Thema drehte. Er sprach davon, dass wir Menschen automatisch in Schubladen sortieren, sobald wir sie kennenlernen, und dass echte Verbindungen nur entstehen, wenn wir aufhören, das zu tun. Und dass Events das Format sind, das diese transformative Kraft besitzt: Menschen emotional zu bewegen, Denkweisen zu verändern und Räume zu schaffen, in denen echte Begegnungen möglich werden.
Er schloss mit drei Fragen, die beschreiben, wie das gelingt: Wer bin ich? Wie ticken die anderen? Und was verbindet uns?
Was damals als Appell im Raum stand, hat das treibhaus-Team 2026, völlig unabhängig davon, in einem Workshop-Format Wirklichkeit werden lassen.

 

Hier in diesem Beitrag findet ihr seine Rede als Video.

Der Blick in die andere Bubble: Wie kam der Workshop an?

Neben der Ideengebungs- und Formatentwicklungs-Bubble ist natürlich auch die Erlebnis-Bubble relevant. Hier kann Beke ihre Erfahrungen teilen, die dieses Mal nicht als Crew-Mitglied, sondern als Teilnehmerin bei wtf war und den Workshop von der anderen Seite aus miterlebt hat:

Für mich lebt die Event-Branche von Mut. Vom Mut, Dinge anders anzugehen. Vom Mut, sich und seine Gedanken einzubringen. Und vom Mut, das jeden Tag aufs Neue zu tun – in einer Branche, die genau davon lebt! Das hat mir wtf auch in diesem Jahr wieder aufgezeigt.

Auch für den UNBUBBLE-Workshop brauchte es Mut. Seine eigene Bubble preisgeben, verlassen und aktiv in anderen Bubbles stattzufinden – das ist im ersten Moment nicht einfach. Hier hilft es, dass alle, die in der Event-Branche zuhause sind, ein ähnliches Mindset besitzen und solche Workshops mit den richtigen Eigenschaften füllen: familiär, offen, wissbegierig und immer bereit für Austausch. So habe ich auch meine Workshop-Runde bei wtf wahrgenommen.
Trotzdem sind vermeintlich „ulkige“ Aufwärmübungen genau das richtige: kleine, noch vorhandene, Barrieren werden abgebaut und durch die direkte Sichtbarkeit von gemeinsamen Bubbles wächst die Nähe und das Vertrauen.

Auch die persönlichen Geschichten der treibhaus-Hosts haben einen in den eigenen Gedanken bestärkt. So war man für den Austausch und die Diskussionen von Fragen und Antworten von anderen Teilnehmenden perfekt vorbereitet. Nicht immer direkt seine eigene Sichtweise in den Vordergrund zu stellen, sondern sich bewusst in die Antworten von anderen hineinzudenken war für mich ein besonderer Schritt, der einen trotzdem näher an seinen Gegenüber gebracht hat.

Lief man sich nach dem Workshop in der Location über den Weg, teilte man mit den anderen Teilnehmenden aus der UNBUBBLE-Bubble irgendwie eine besondere Verbindung – egal, ob man sich intensiv ausgetauscht hatte, nebeneinandersaß oder in den Anfangsübungen gemerkt hat, welche Bubbles man teilt.

Aber was bedeutet das für mich in der Event-Konzeption? Dass es für Teilnehmende beides geben muss: Identifikation mit Menschen aus der eigenen Bubble, aber auch Bubble-übergreifenden Austausch. Wir können dafür die Räume gestalten und entsprechende Formate zur Verfügung stellen – den Mut, sich so zu begegnen, muss jedoch jede*r selbst mitbringen.

UNBUBBLE zeigt: Gute Eventformate verbinden nicht nur Menschen, die sich ohnehin ähnlich sind. Sie schaffen sichere Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und Begegnung möglich wird. Genau darin liegt die besondere Wirkung von Live-Kommunikation.

Und was können wir daraus für den Alltag mitnehmen? Vielleicht ist es das Bewusstmachen, wo wir selbst in Bubbles unterwegs sind, wo wir andere vorschnell einordnen und wann wir den Schritt in eine andere Perspektive wagen. Vielleicht lautet die Devise deshalb: weniger Schubladendenken und mehr „Unbubblen“.

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